Unternehmerische Nachhaltigkeit

In: Support Humanity

Es geht um unternehmerische Nachhaltigkeit und Menschenrechte. Sind die beiden überhaupt kompatibel? Beinhaltet die Eine auch die Anderen? Tja, das sollte sie eigentlich.

Eine unspektakuläre Bewegung

Es gibt eine Bewegung im globalen Unternehmertum, die ein erklärtes Ziel verfolgt: Nämlich – indem die Menschenrechte durchgesetzt werden – Menschlichkeit ins Geschäftsleben und in die Wirtschaft zu implementieren. Das betrifft ebenso die Produktion, den Handel, den Vertrieb, die Preisgestaltung sowie die Arbeitsbedingungen und die Löhne. Darüberhinaus gibt es eine Zusammenarbeit zwischen übernationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen und der Europäischen Union einerseits und multinationalen Konzernen, überregionalen Firmen und Einzelunternehmen andererseits. Sie alle hören

Die Forderung

Seit Jahrzehnten sind die Unternehmer weltweit mit der Forderung nach einem menschenwürdigen Dasein konfrontiert. Durch Menschen z.B., die in Elend und Armut leben, obwohl sie einen festen Job haben. Diese Arbeiter stehen trotzdem nicht auf der Lohnliste der Endabnehmer-Firma. Allzu oft gehen die Aufträge an Subunternehmer oder Zulieferer, die wiederum andere Subunternehmer beschäftigen, welche ihrerseits die Auftragsarbeiten weitergeben. Das führt dazu, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen am Anfang der Lieferkette weniger als das Existenzminimum verdienen.

Dann wiederum gibt es Arbeiter, die ihre Einkommensquelle verloren, weil multinationale Firmen sich zusammengeschlossen hatten, um große Fabriken in Gegenden und an Orten zu errichten, die einst intakt waren, vielfältig, voller Leben und Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Bevölkerung, die dort ansässig war. Dies alles wurde zerstört, die Gemeinschaften auseinandergerissen und dezimiert, ohne die Chance, wiederhergestellt zu werden.

Zwei Fälle

Um zu demonstrieren, worum es eigentlich geht, wollen wir kurz zwei typische Fälle vorstellen:

Der erste Fall ist der von chinesischen Arbeiterinnen. Ingeborg Wick vom SÜDWIND-Institut bringt es auf den Punkt:

“Die Schnäppchenhits der Discounter werden mit systematischen Verletzungen von Arbeits- und Frauenrechten bei globalen Zulieferern erkauft”

Des Weiteren zeigt ihre Studie über die Lage chinesischer Arbeiterfrauen, daß ihre Arbeit nicht nur PCs, Fahrräder, Gitarren, Handmixer und Textilien für ALDI, dem deutschen Mega-Discounter, erzeugt, sondern auch, daß sie 20% des 2008 auf 35 Millarden Euro geschätzten Jahresumsatzes erwirtschaftet haben! Die Arbeits- und Lebensbedingungen dieser Frauen spotten jeder Beschreibung:

  • 91 Wochenarbeitsstunden im Durchschnitt aufgrund von unzureichenden Minimallöhnen;
  • keine schriftlichen Arbeitsverträge;
  • keinerlei Mutterschutz;
  • Geldstrafen im Falle von Fehlzeiten;
  • keine Abführung von Sozialabgaben,
  • und kein einziger Fall von Urlaubsgeld.

Dies ist die Folge eines Lieferkettenproblems der ganz besonderen Art

Unser zweiter Fall ist derjenige von ThyssenKrupp Steel in Brasilien. Seitdem sich europäische Transnationale Firmen (Transnational Companies -  TNCs) wie TKS an strategischen Standorten der lateinamerikanischen Wirtschaft positioniert haben, nimmt die Zahl der Armen zu, werden die natürlichen Ressourcen geplündert sowie die öffentlichen Dienstleistungen demontiert. Zudem entstehen ständig neue Konflikte, die Teilnehmer an sozialen Protesten werden kriminalisiert und es finden Umweltzerstörungen nie gekannten Ausmaßes statt.

TKS mit Sitz in Deutschland hat damit angefangen, in Sepetiba, nahe bei Rio de Janeiro in Brasilien, ein riesiges Stahlwerk zu errichten. Die Umweltzerstörungen sind absehbar. Sie könnten so umfangreich werden, wie diejenigen durch Shell in Nigeria. ThyssenKrupp hingegen beruft sich auf geltendes brasilianisches Recht, bestreitet einfach die negativen Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf die Umwelt – wie zum Beispiel einen Anstieg der CO2-Emissionen in Rio de Janeiro um 76 Prozent, wenn das Werk erstmal auf vollen Touren läuft. (Mehr darüber im “Baía Sepetiba-Video >>)

TKS widerspricht zudem den Berichten brasiliansicher Umweltschützer über Tausende von Fischern, die ihren Lebensunterhalt verloren haben, weil die Fische durch aufgewirbeltes Schwermetall getötet wurden, als TKS einen bereits vorhandenen Kanal für künftige Nutzung erweiterte und vertiefte. Schlimmer noch, TKS erklärte die Wiederaufforstung eines illegalen Kahlschlags einfach zum Sozialprojekt.

Dies also ist das TNC-Problem , die der Transnationalen Firmen. Mehr dazu auf der Website des Transnational Institute.

Verantwortung

Wer also ist für diese Menschen verantwortlich? Wem obliegt es, für ihr Überleben, für ihr Wohlergehen und für ihre Lebensbedingungen zu sorgen, die jetzt menschenunwürdig sind? Über lange Jahre hinweg waren es und sind es noch immer die NGOs, die mit humanitären Projekten auf die Klage der Betroffenen reagiert haben. Heutzutage scheint es eine allgemeine Bewegung hin zu einem Zusammenschluß von globalen Organisationen, von Projekten der Unternehmen sowie von NGO-Aktivisten zu geben, um die Lage der betroffenen Menschen zum Besseren zu wenden. Doch zuvor muß noch ein ganz anderes Problem gelöst werden:

Das Dilemma

Unternehmer stehen dem Dilemma gegenüber, einerseits das Risiko von Menschenrechtsverletzungen und von Umweltzerstörungen mindern zu wollen. Andererseits jedoch sollen sie effektik und gewinnbringend arbeiten sowie die jeweiligen Unternehmensziele durchsetzen. Global Comapct bei den Vereinten Nationen hostet ein sogenanntes “Dilemma”-Forum, daß Ihr besuchen solltet. Dort könnt Ihr Euch eingehend mit diesem Thema beschäftigen.

Problemlösungen

Die Europäische Union gibt dem Druck von globalen Umweltschützern und örtlichen Aktivisten nach – und vielleicht sogar dem eigenen schlechten Gewissen, wer weiß. So hat sie also eine Initiative diesseits des Atlantik ins Leben gerufen, die dabei ist, die Rahmenbedingungen eines Regelwerks zu formulieren, um unternehmerische Nachhaltigkeit in eine Welt der globalisierten Produktion, des Handels und die des Verbrauchs zu implementieren. Einer ihrer Ratgeber ist die European Coalition for Corporate Justice (ECCJ).  – auf Deutsch: Europäische Koalition für Unternehmensgerechtigkeit. Nun, das scheint mir ein langer Weg zu sein, den diese Leute gerade beschreiten…

Was können Verbraucher tun?

Während also die großen Apparate von Global Compact und ECCJ gerade erst warmlaufen, empfiehlt Fairplanet für die Zwischenzeit zwei kleinere Hilfsorganisationen:

Diese Menschen in China und in Brasilien benötigen Eure Unterstützung, um ihre Menschenwürde wiederzuerlangen. Schaut Euch die Hilfsprojekte an und werdet aktiv, wann immer es Euch möglich ist. Danke!

http://human-rights.unglobalcompact.org/

by atsil


Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

About atsil

Ildikó Áts (atsil) is a Germany-born Hungarian author, editor, translator and web designer. She studied languages, literature, philosophy, history, politics and economy as well as TCM in Hungary and Germany. Her focus is on ecology, human rights and FGM. She lives in Berlin.

Comments are closed.