Und da war es wieder. Das Fest der Liebe und des Gebens. Alle Jahre erinnern wir uns dann wehmütig und automatisch der Bedürftigen, der Ausgebeuteten, der Hungernden, der Vergewaltigten und der Abgeschlachteten. Von der Geburt des Jesus-Kindes berührt ergeben wir uns dem Mitleid mit all denen, die Gott oder das Schicksal dem Opferaltar übergab. Das bislang noch eher zwergenwüchsiges News-Magazin mit dem utopischen Namen fairplanet kann sich damit brüsten, noch ein Ort im Cyperspace zu sein, wo man sich im manchmal sinnlos anmutenden Anrennen wider das Böse üben kann. Als Urlaubslektüre für anspruchsvolle Schnellleser sowie politisch und moralisch Bewegte empfiehlt fairplanet das Buch „Consuming the Congo: War and Conflict Minerals in the World’s Deadliest Place“ von Peter Eichstaedt.
Eichstaedt berichtet über den Krieg im Kongo, der bis zum Ende des gerade vergangenen Jahrzehnts an die 5 Millionen Menschenleben forderte. Egal ob Hutu, Tutsi oder Mai-Mai, Uganda, Ruanda, Burundi, Tansania oder die Parteien und Kriegsfürsten des Kongo; am Ende des Tages rangen alle Kriegsbeteiligten um die Kontrolle der Gold-, Zinn-, Wolfram- und Koltan-Minen. Vor allem das extrem leitfähige Koltan ist ein unentbehrlicher Bestandteil unsere Spielkonsolen, Computer und Handys, und insofern leisteten wir über all die Jahre hinweg einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zur Finanzierung der Kinderarmeen der kongolesischen Warlords. Der Kongo ist eines der größten und ressourcenreichsten Länder der Erde und leidet demzufolge von all den ehemaligen schwarzafrikanischen Kolonien am allermeisten unter dem sogenannten Ressourcenfluch. Bedeutet: Die politische Machtelite bereichert sich am Rohstoffhandel, während das gemeine Volk Umweltzerstörung, Ausbeutung und Krieg erntet.
Meisterhaft dokumentiert wird die Kolonialgeschichte des Kongo in Adam Hochschilds Buch „King Leopold´s Ghost: A Story of Greed, Terror and Heroism in Colonial Africa“ (ja genau unser zweiter Buchtip), zu Deutsch „Schatten über dem Kongo: Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen“.
Als zum Ende des 19. Jahrhunders die Nachfrage nach Gummi und Automobilreifen explosionsartig stieg, verwandelte der widerwärtige belgische König Leopold II seine Kongo-Kolonie aufgrund der immensen Kautschukvorkommen in ein großes Arbeits- und Todescamp und dezimierte dessen Bevölkerung um die Hälfte. Massenweise wurden zur Abschreckung denjeniegen, welche die Rebellion wagten, die Hände abgehackt.
Wer jedoch in diesen Tagen des Jahreswechsel-Winterschlafs nicht die Zeit für diese Schmöker findet, die zwar hochinteressant sind, aber nicht notwendigerweise gute Laune erzeugen, der könnte zumindest circa 8 Minuten Lesezeit investieren in die höchst aufschlußreiche Besprechung von Eichstaedts Buch seitens Shefa Siegel, erschienen dieser Tage in der Literatur-Beilage der israelischen „Haaretz“. Sie ist ihres Zeichens wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Vale Columbia Center of Sustainable Investment und Kolumnistin bei themarknews.com.
Shefa Siegel konfrontiert uns mit Stimmen zu den Schattenseiten des Bergbaus seit dessen Anbeginn.
Die Artikelüberschrift „The source of all avarice“, der Ursprung aller Habgier, geht auf Plinius den Älteren zurück, einen römischen Naturalisten des ersten Jahrhunderts,
who called mining “the origin of avarice.” The things that she [earth] has concealed and hidden underground,” Pliny concluded in his book about mining, “those that do not quickly come to birth, are the things that destroy us and drive us to the depths below.”
Plinius der Ältere war zweifelsohne ein Seher, der vorausahnte, was sich noch millionenfach in den nächsten beiden Jahrtausenden wiederholen sollte. Genau wie man es auch seit uralten Zeiten in Südamerika sah.
There is a saying among the people of Piura − who live among mines active since Incan times − in northern Peru, “Agriculture is life, mining is death.”
Bloß wäre unsere Zivilisationswerdung ohne Kohle und Metalle denkbar? Bezüglich dieser Frage zitiert Shefa Siegel den deutschen Arzt Georgius Agricola, dessen posthum erschienenes Werk „De Re Mettalica“ aus dem Jahre 1556 als Vorläufer der Minearologie gilt und Alchemie und Wünschelruten-Glauben ein Ende bereitete.
“If there were no metals,” Agricola writes, “men would pass a horrible and wretched existence in the midst of wild beasts.”
Keineswegs notwendig für das Überleben und Wohlbefinden in der harschen Natur ist allerdings das Gold, welches uns Menschen bekanntlich gleichermaßen entzückt wie entmenschlicht. Bis heute vergöttern wir es. Angestiftet von den Investment-Beratern unserer hochtechnologisierten Finanzschulden-Ära flüchten wir uns ins Gold und provozieren einen ins Astrononomische pervertierten Goldpreis. Das wiederum führt zu weithin unbeachteten Elend und Umweltzerstörung, so z.B. in entlegenen Regionen Indonesiens, wo die Menschen sich und ihre Heimaterde mit Quecksilber verseuchen, in der verzweifelten Gier noch ein paar Wohlstand und Glück verheißende Unzen Gold aus ihrem Boden zu gewinnen. Wieder rekurriert Sheffa Siegel auf Plinius, der das, wie gesagt im ersten Jahrhundert nach Christus, so formulierte:
“The worst crime against man’s life was committed by the person who first put gold on his fingers, though it is not recorded who did this” Und auf Karl Marx: Alles Gold und Silver, welches aus den Kolonien nach Europa gebracht wurde, schrieb dieser “comes dripping from head to foot, from every pore, with blood and dirt.”
The historian Kris Lane,” fügt Sheffa Siegel dem noch hinzu, “in his wonderful recent book about Colombia’s colonial emerald trade, “Colour of Paradise,” quips that “Conflict [minerals]” is a distinction Marx might have found humorous.”
Vielleicht hätte Marx die Begriffsdichotomie Blut-Diamanten oder Konflikt-Mineralien vs. Bloodless oder konflikt-frei tatsächlich als lächerlich empfunden, allerdings lebte er nicht im Internet-Zeitalter. Seine Vorstellung von Menschheitskorrektur und Utopie beschränkte sich auf die Hoffnung und die Prophezeiung der proletarischen Revolution, die sich ja dann, von seinen Schriften inspiriert, Horrorgestalten wie Kim de Jong, Mao-Tse-Tung oder Josef Stalin auf die Fahnen schrieben. Letzterer ließ im Zuge seiner zahlreichen Verbrechen wider die Menschheit, gerade mal 10 Jahre nach Ausschwitz, an die zwei Millionen Ukrainer in seinen sowjetischen Goldminen verrecken. Wie gesagt, von den Möglichkeiten, die ethisch beseelten Konsumenten im digitalen Zeitalter zur Verfügung stehen, ahnte Karl Marx noch nichts.
Wir verweisen auf die NGO www.enoughproject.org, welche Genozid und Verbrechen wider die Menschheit ein für alle Mal beenden möchte. Unter dem Aktions-Link “Conflict Minerals Company Rankings” nimmt das Enough Project die weltweit 21 wichtigsten Hersteller von Mobiltelephonen, Computern, Spielkonsolen und Harddisks unter die Lupe und erteilt die folgenden Zensuren. Den „Goldenen Stern“ für Unternehmen, die es tatsächlich schaffen ihre Produkte ausschließlich aus konfliktfreien Materialien herzustellen. Keiner der aufgeführten Unternehmen ist dazu bisher in der Lage.
- Grün: Solche, die „auf dem richtigen Weg“ sind, wozu Dell, HP, Intel, Microsoft, Motorola und Nokia gehören.
- Gelb: Wo noch „Patz für Verbesserung“ ist, nämlich bei IBM, Lenovo, LG, Phillips, RIM (Blackberry), Samsung, SonyEricson, Cannon und Apple.
- Rot: Die bisher eigentlich noch nichts getan haben und mit der dezent-diplomatischen Begriffskategorie „falling behind“ abgestraft werden, nämlich Nintendo, Panasonic, SunDisc, Sharp, Toshiba und Acer.
All die hier genannten Unternehmen können, wenn sie z.B. immerhin bereits im grünen Bereich sind, über Email-Vorlagen auf der Website ermutigt werden, sich weiter anzustrengen oder, wenn sie im gelben Bereich sind, aufgefordert werden, bitte schön noch viel mehr zu tun, und – schießlich entsprechend gerügt werden, wenn sie zurückgeblieben im roten Bereich verharren, also bislang noch nichts getan haben, um herauszufinden, inwieweit die an sie herangetragenen Mineralien und Metalle aus Konflikt-Zonen stammen, wo unmenschliche Bedingungen herrschen.
Eine wunderschöne Weihnachtsferien-Beschäftigung, etwa eine Viertelstunde tippen und klicken, dann ist der eigene individuelle, klitzekleine, durchaus nicht zu übersehende Beitrag auf dem beschwerlichen Weg zu einer humanen Unternehmenskultur getan. Auf geht´s! In den Stillen Tagen was Gutes tun ist ein alter christlicher Brauch. Sowie es leider auch ein alter christlicher Brauch ist, den Rest des Jahres über demütig die Hände zu falten, wenn andernorts oder gar in nächster Nachbarschaft Übles geschieht. Aber – so furchtbar christlich sind wir ja heute gar nicht mehr. Werden wir nicht immer vernetzter und menschlicher in unserem Bestreben nach einem – fairplanet? Oh Gott, selig sind nicht nur die geistig Armen, sondern auch wir Intelligenzbestien!


