Wir werden im Mai ein Experiment wagen und einen Monat vegan leben! Kein Fleisch, Eier, Milch…. dafür viel leckeres Gemüse, Obst und Tofu. Die Motivation an diesem Monat teilzunehmen sind so vielfältig wie die TeilnehmerInnen. Ethische und Umweltschutzgründe sind eine oft genannte Motivationen, aber auch die Neugier etwas auszuprobieren und sich selbst zu beweisen Ja, ich kann das! Ich kann in dieser total verfleischten Welt einen Monat lang vegan leben! Wir haben die Unterstützung der TIRS in Stuttgart, die uns in Person von Andreas unterstützt, aber auch von vegan lebenden Personen in unserem Umfeld. Wir wagen uns unideologisch auf das moralische Mienenfeld der Ernährung und wollen dort unsere eigenen Erfahrungen sammeln.
Die Versuchskaninchen:
Kata, 20, Philosophie-Studentin:
Nagellack bedroht meine Integrität? Wie bitte?! Leider ist es so.
Ich ernähre ich mich schon seit über einem Jahr vegan. Was Kosmetika und Kleidung betrifft ist die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln leider noch mehr als suboptimal. Da gefällt mir mal die Farbe des Lippenstifts oder die Form der Schuhe und schon rückt das Vegansein in den Hintergrund. Natürlich ist es mir nicht egal, ob tierliche Produkte verarbeitet sind und ich kaufe natürlich auch kein Leder.
Aber die Feinheiten (Mit was für Farbe wurde gefärbt? etc.) beachte ich meistens nicht. Aus Faulheit, Bequemlichkeit und auch einem Stück Pragmatismus. Veganismus heißt für mich, alle empfindenden Lebewesen (bzw. solche, von denen wir durch unseren derzeitigen Wissenstand ausgehen, dass sie Empfindungen haben), mit Respekt zu behandeln. Anstatt also einen teuren Öko-Nagellack zu kaufen, nehme ich lieber noch eine Packung Tee aus dem Weltladen mit.
Ich fürchte, es gibt fast kein zu 100% moralisch korrektes Produkt (…dass dann auch noch verträglich mit einem studentischen Geldbeutel ist), aber ich will den Monat nutzen, um mein Bewusstsein noch weiter zu schärfen und kritisch zu konsumieren.
Juliane, 20, FÖJlerin:
Vor fast 6 Jahren bin ich Vegetarierin geworden. Aus Trotz. Um meinen Eltern zu zeigen, dass ich es kann und mein Öko-Dasein zu unterstreichen. Was für eine bescheuerte Motivation.
Inzwischen ist es für mich zu einer Lebenseinstellung geworden, auf Fleisch zu verzichten und ich mache es bewusst aus Tierrechts- und Umweltschutzgründen. Und auch, weil mir das Fleisch einfach nicht fehlt – es gibt so viele leckere Alternativen.
Bei “1 Monat vegan” mache ich mit, um auszuprobieren, wie gut sich eine vegane Lebensweise im Alltag umsetzen lässt, aber ich glaub vor allem der Verzicht auf Joghurt und Käse wird ganz schön hart. Und Schokolade natürlich. Oh mann, warum mach ich das überhaupt???
Ernährung ist nicht nur eine Sache des Einzelnen und Veganismus wird deshalb wahrscheinlich während des nächsten Monats in meinem Umfeld Dauerthema sein. Wenn jemand Fleisch isst, redet keiner über Ernährung, aber selbst wenn man nur Vegetarier ist, wird ständig darüber diskutiert. In der Familie, im Freundeskreis und vor allem auf der Jugendfarm, wo ich gerade mein FÖJ mache.
Meine Mitbewohnerin wird wohl oder übel in die Sache mit reingezogen, weil wir oft zusammen kochen. Auch im Team und mit den Kindern essen wir ab und zu gemeinsam. Es wird auf jeden Fall interessant, wie sich das alles umsetzen lässt. Wir werden sehen.
Chris, 24, Umweltschutztechnik-Student:
Seit ich denken kann, war ich Fleischesser. Wie sollte es auch anderes sein? In Bayern, dem Land der halben Hendl, Schweinshaxen und Weißwürste aufgewachsen, habe ich mir bis vor kurzem eine andere Lebensweise nicht einmal vorstellen wollen. Was aber noch viel mehr zu meinen Leidenschaften gehört ist Käse, der bei keiner Mahlzeit fehlen darf. Und, viel wichtiger als alles andere, Schokolade. Diese dunkle Verführung weckt in mir regelmäßig den unkontrollierbaren Drang, sie zu vernichten.
Allerdings lebe ich seit eineinhalb Jahren in Stuttgart mit einem Vegetarier zusammen und habe auch zeitweise mit einer Veganerin zusammen gelebt. Aus praktischen Gründen reduzierte ich daher meinen Fleischkonsum zu Hause. Auch ließ es sich nicht vermeiden, dass ich viel über die ethischen, sozialen und ökologischen Beweggründe des Verzichts auf tierische Produkte erfuhr, und, noch viel schlimmer, vermehrt daran zu zweifeln begann, dass meine Lebensweise mit meinen Idealen zu vereinbaren war.
Aus diesem Grund stürze ich mich nun für mindestens einen Monat in diese „extreme“ Lebensweise, um für mich herauszufinden, wie ich glücklich leben kann ohne meine Augen vor der Realität verschließen zu müssen.
Caro, 16, Schülerin:
Mit 8 oder 9 habe ich das letzte Mal Fleisch gegessen, warum ich es damals gemacht bzw. warum ich aufgehört habe ist mir nicht ganz klar, ich glaube ich habe es früher als unnötig und nicht besonders sinnvoll erachtet tote Tiere zu essen, so hat mein Vegetarierdasein begonnen.
Der Verzicht auf Fleisch ist ein Teil meiner Persönlichkeit geworden, ich denke auch nicht mehr so grundsätzlich und tiefgründig darüber nach, sehe es als selbstverständlich an. Aber in der letzten Zeit habe ich mich mehr mit diesem Thema beschäftigt und das bestärkt mich in meiner Einstellung. Auch wenn ich manchmal über den Sinn und Unsinn des Vegetarismus nachdenke, ist der Schritt zum Veganismus noch groß.
Da mir aber klar ist wie wichtig unser kleiner Beitrag zur Verbesserung der Welt ist, versuche ich es jetzt einfach mal und lebe einen Monat vegan, was hab ich zu verlieren?! Vielleicht die Geduld meiner Mutter und vielleicht auch das Verständnis meiner Freunde für diese noch „krassere“ Form der Lebensweise, wie eine Freundin meinte, aber die müssen das dann eben akzeptieren oder auch nicht.
Ich freue mich auf einen spannenden, interessanten Monat vieler neuer Erfahrungen und stressiger Suche nach Schokolade, Keksen und sonstigen Kram den eigentlich niemand braucht, auf den ich aber auch nicht als (Teilzeit-) Veganerin verzichten möchte.
Isabell, 22, Studentin:
Seit 10 Jahren bin ich Vegetarierin. Eine ganz schön lange Zeit, in der ich mich so daran gewöhnt habe, dass der Gedanke Fleisch zu essen wirklich abwegig für mich geworden ist.
Im Laufe der Zeit habe ich es mir ganz schön gemütlich gemacht in meiner Identität als „eine der Guten. Ich tu ja schon was für die Welt, ich brauche mir eigentlich keine Gedanken mehr machen…“
Als ich an die Uni kam, war ich gar nicht mehr gewöhnt, dass Leute mein Vegetarier-Dasein seltsam finden könnten. Einige Diskussionen, „kluge“ Sprüche fremder und viel Erstaunen von meiner Seite später, bin ich jetzt sehr gespannt, wie mein Umfeld auf das Experiment “1 Monat vegan” reagieren wird. Ich freue mich jedenfalls auf viele Kommentare, die für diesen Blog aufzeichnenswert sind!
Momentan glaube ich nicht, dass aus dem einen Monat vegan eine dauerhafte Einrichtung wird. Dazu bin ich zu sehr Genussmensch und vielleicht auch zu bequem, und kann mir bei manchen Dingen noch nicht vorstellen auf sie zu verzichten. Auf den Monat bin ich aber sehr gespannt!
Ich erhoffe mir neue Perspektiven, meinen Speiseplan zu erweitern und neue Dinge kennen zu lernen. Ich freue mich aber auch auf die Herausforderung und bin gespannt wie ich sie meistern werde!
Die Erfahrungen:
Caro:
Ja, ich muss sagen das Vegan-Sein war weniger stressig als ich erwartet hatte. Vegane Schoko-Cookies, ganz viel Reis & Couscous und viele neue Erkenntnisse über das Weltbild der Menschen in meinem Umfeld…
Letzte Woche war Vegan-Dinner in Stuttgart…und was mir die anderen alles erzählt haben erstaunt mich doch schon sehr. Ich habe nicht annährend so viele Probleme mit dem Vegan-Sein wie meine Mitstreiter. Ich merk schon fast gar nicht mehr das ich manche Sachen nicht essen kann, außer halt wenn ich irgendwo hin gehe, wo es was zu essen gibt.
Manchmal hasse ich es einfach nachzufragen ob irgendwas vegan ist, besonders wenn ich weiß, dass derjenige sich voll viel Mühe gemacht hat und dann isst man es nicht :/
Die Sojamilch im morgendlichen Kaffee und die Margarine auf dem Brot sind schon so selbstverständlich wie auch veganer Aufstrich auf dem Schulbrot, was ich sowieso vorher auch häufig gegessen habe. Also dort fällt es gar nicht auf, dass ich das ganze andere unnötige Zeug nicht mehr esse und ich bin auch nicht die Sorte Veganer die überall rum erzählt was ich mache. Meine engeren Freunde haben sich damit abgefunden und teilweise finden sie es richtig gut, (Kommentar meiner Cousine: „WOW!! Wie hältst du das durch? Ich schaff es ja noch nicht mal, zwei Wochen Vegetarier zu sein und du bist VEGANERIN!“)
Ich möchte in meiner Klasse nicht noch mehr mein Öko-Image aufpolieren, obwohl ich sowieso manchmal glaube, dass da alles verloren ist…und vor allem will ich nicht, dass sie denken, ich halte mich für was Besseres …Ich sage natürlich trotzdem manchmal meine Meinung, wenn das Thema zur Sprache kommt und die Anderen so komplett schwachsinniges Zeug von sich geben. Ich bin zu der Auffassung gekommen, dass es nichts bringt, missionieren zu wollen und deshalb lass ich es auch…meistens.
Das es bei mir so einfach ist, hab ich vor allem meiner Mutter zu verdanken, welche mir immer alles hinterherträgt und sehr darum bemüht ist, das Essen so vegan wie möglich zu machen, zum Beispiel mit Sojasahne und so. Da hab ich echt Glück gehabt; allein unter Fleischessern wäre ich echt aufgeschmissen gewesen.
Probleme gibt’s natürlich trotzdem, letzte Woche war ich im Supermarkt (Edeka, also böse).
Ich bin sauer auf deren Scheiß-Sortiment, warum kann niemand Rücksicht drauf nehmen wenn man sich anders ernährt?! Gut es gibt ein Soja-Produkte-Regal -wo natürlich mein neuer Lieblingspudding ausverkauft war- aber trotzdem, kaum Gummibärchen ohne Gelatine und wenn dann auch nur diese ekelhaften Joghurt-Gums (nicht vegan). In der Zartbitterschokolade Butterreinfett und im Ausroll-Pizzateig Magermilchpulver! Und ich frag mich immer nur: Warum macht es uns diese scheiß Lebensmittelindustrie so schwer, einer von den „Guten “ zu werden? Wo es doch so einfach wäre, Pektin in die Gummibärchen reinzutun (schmeckt übrigens besser als Stärke) und diesen ganzen anderen unnötigen Quatsch einfach draußen zu lassen!
Und sogar da wo man keine Chance hat sich zu wehren, weil man es gar nicht schafft, die Inhaltsstoffliste zu lesen (zum Beispiel an einem dieser überteuerten Bahnhofs-Getränkeautomaten) mischen die dieses verdammt Zeug rein.
Ich hab nur Coca-Cola Sachen gesehen, soweit das Auge reicht. Da aber meine Mitreisenden ganz viel Durst hatten, habe ich trotzdem eine Flasche Bonaqua (1.50€!!!) gekauft und eben Eistee (das einzige nicht von Coca-Cola). In diesem bescheuerten Eistee war doch tatsächlich 50%(!) Molkenerzeugnis drin…
Manchmal muss ich mich echt beherrschen nicht wieder rückfällig zu werden (Erdbeersahnekuchen…ahhhh…Hilfe!) aber im Großen und Ganzen habe ich bisher fast nur positive Erfahrungen gemacht und ich glaube nicht, dass sich das noch ändert.
Juliane:
Ich glaube, wenn man alleine wohnt, einen Job hat, der nichts mit Menschen zu tun hat und man außerdem keine Freunde hat, dann ist es absolut machbar, sich vegan zu ernähren, denn an das Durchlesen der Inhaltsstoffe auf allem, was man kauft, die eingeschränkten Kochmöglichkeiten und für alles immer einen pflanzlichen Ersatz zu wählen (Sojamilch, Margarine, Bitterschokolade etc.) gewöhnt man sich recht schnell.
Aber jeder Umstand, der von diesem Grundkonzept der unproblematischen veganen Ernährung abweicht, macht die Sache echt kompliziert (außer, man ist auf einem unglaublich guten FÖJ-Seminar, dort gibt es immer irgendwas Veganes zu essen). Ansonsten ist es wirklich nicht so einfach…
Ständig wird man schief angeschaut, wenn man erst mal die Zutatenliste lesen möchte oder das Essen, das extra und mit viel Mühe gekocht wurde, kritisch beäugt und schließlich fragt, ob das vegan sei.
Da ist schon Problem Nummer 2, denn meistens ist es das nicht. Während man als Vegetarier einfach das Fleisch beim Essen weglassen und den Rest problemlos essen kann, ist es relativ unmöglich, das Ei aus dem Kuchen rauszukriegen oder die Sahne aus der Soße zu destillieren (geht das überhaupt? oder müsste man so was zentrifugieren, um die Sahne vom Rest zu trennen?!). Auf jeden Fall macht man so was eben nicht mit Essen und deshalb geht man als Veganer meistens leer aus, wenn man sich nicht vorausschauend ein belegtes Brot oder einen Salat mitgebracht hat. So hab ich das zum Beispiel beim Kindergartenfest meines Neffen gemacht. Während alle sich am Buffett den Bauch mit den ganzen leckeren Sachen vollgeschlagen haben, saß ich da und hab mein Brot mit Auberginenaufstrich gegessen. Jaja, lecker war’s auch, aber noch leckerer wär’s gewesen, wenn ich das nicht die zwei vorausgehenden Tage auch schon ständig gegessen hätte. OK, das ist meine eigene Schuld, aber trotzdem – man kommt sich schon immer etwas separiert vor.
Dafür hatte ich beim Sommerfest der Jugendfarm, auf der ich arbeite, weniger Probleme als gedacht. Für alle Helfer gab es nämlich Chili con carne und für die Veggis einen extra Topf ohne Fleisch und DAS WAR VEGAN! Ich hab mich gefreut wie Schnitzel (Sojaschnitzel versteht sich). Nur, dass ich die Crêpes, die die ganze Zeit so gemein gut geduftet haben, nicht essen konnte, hat mich dann ein bisschen geärgert.
Allerdings hab ich festgestellt, dass ich seit dem Beginn des Experiments viel bewusster essen. Normalerweise bin ich so ein „mir ist langweilig, deshalb geh ich zum Kühlschrank und guck mal, was drin ist“-Mensch, stopfe also ständig völlig unnötigerweise irgendwelches Zeug in mich rein. Seit ich mich vegan ernähre, fällt das weg (weil einfach so gut wie nix da ist, zum zwischendurch essen). Andererseits weiß ich jetzt nicht mehr, was ich machen soll, wenn ich Langeweile habe.
Seit Anfang Mai hab ich mich wirklich fast immer dran gehalten, keine tierischen Nahrungsmittel zu mir zu nehmen. Es gab einige winzige Ausnahmen:
Beim FÖJ-Seminar war Honig in der Salatsoße – wer denkt denn an so was?
In einer Tomatensoße, die noch offen im Kühlschrank stand, ist zwar in der Zutatenliste nichts aufgeführt, aber drunter steht „Enthält Milch“. Grrrrr…
Vor unserer Farmfest-Aufführung letzten Samstag (die ich moderieren sollte), war ich total heiser und meine Stimme hat sich ziemlich bescheuert angehört. Nachdem mir gefühlte tausend Leute gesagt haben, dass da heiße Milch mit Honig hilft und ich jedes Mal versucht hab, mit Zeichensprache klar zu machen, dass das vegan ein bisschen schwierig wird, hab ich schließlich doch zwei Löffel Honig gegessen. Stimme geheilt – Show gerettet…
Ich muss sagen, dass ich das Experiment immer noch gut finde, obwohl ich vermutlich der jammernste Veganer aller Zeiten bin (aber ich muss einfach immer, wenn das so gut riecht sagen, dass ich das jetzt ja soooo gern auch essen würde… und ja, ich will auch Mitleid haben^^)
Übrigens, letzten Sonntag, am Muttertag, wollte mich meine Schwester zum Muttertags-Brunch einladen. Während unseres Gesprächs sind wir dann gemeinsam zum dem Ergebnis gekommen, dass das wenig Sinn macht, weil sie wahrscheinlich kaum was Veganes zu Essen haben. Dann war ich halt wieder ausgeladen…
Von den Freunden verlacht, von der Familie verstoßen – was für ein tragisches Schicksal. Naja, ganz so dramatisch steht es zum Glück noch nicht. Aber spannend ist der Monat bisher allemal – also eigentlich kann ich es nur empfehlen, so was mal zu machen. Auch, um die verschiedenen Reaktionen der Leute mitzukriegen, was ich hier jetzt gar nicht alles aufschreiben kann. Die wahren Freunde lernt man eben erst kennen, wenn man sich vegan ernährt.
Der Monat begann für mich mit einer elftägigen Tour mit meinem Bigband Orchester. 30 Musiker, davon zwei Vegetarier und nur ein Veganer: Ich. Nicht die beste Ausgangssituation. Doch ein Zurück gab es nicht.
Während der Tour aßen wir meist alle zusammen in Wirtshäusern oder kochten mit dem Gasgrill auf Autobahnraststätten. Es musste vor allem schnell gehen. Eine Band darf es sich schließlich nicht erlauben, zu spät zu ihrem eigenen Auftritt zu erscheinen.
Am zweiten Tag bereits stand ich vor einer großen Herausforderung. Nachdem ein Auftritt in einem Coburger Biergarten wegen des schlechten Wetters ausgefallen war, verbrachten wir den Nachmittag im Schwimmbad. Ich denke, ich brauche nicht zu erwähnen, dass körperliche Aktivität verdammt hungrig macht.
Diesen Hunger nahm ich mit zu dem üppigen Buffet, zu dem wir abends eingeladen waren. Reis, gefüllte Weinblätter, verschiedenste Salate und weitere verlockend aussehende und riechende Vor-, Haupt-, und Nachspeisen waren aufgetischt. Wie schlimm war die Erkenntnis, als ich erfuhr, dass nur ein einziger Salat vollständig vegan war. Sogar der Reis war mit Butter vermischt.
So gutes Essen. Und so unvegan. Es war ein Kampf mit mir selbst. Den Schöpflöffel in der Hand haltend stand ich vor dem zweiten Salat mit Hähnchenstreifen und hörte die Stimmen in meinem Kopf, während die Leute hinter mir in der Schlange ungeduldig warteten:
Teufelchen: Komm, eine Ausnahme… nur heute. Morgen isst du zum Frühstück wieder ganz brav dein Müsli mit Reismilch und Apfel. Aber dieses Essen kannst du dir doch echt nicht entgehen lassen!
Engelchen: Nein bleib stark! Was hat dein Ex Zivi-Chef Bernd immer gesagt? „Entweder scheißen oder owe vom Topf. Hoibat schwanger gibt’s ja a ned!“
Teufelchen: Dass du gerade jetzt mit dem Bernd kommst! Der würde dem Chris was erzählen, wenn er wüsste, auf was für bescheuerte Ideen er im Schwabenland kommt! Wenn der ein Essen ohne Fleisch bekommt, rührt er es nicht mal an: „Bin i a Has oda wos?“
Kurz darauf saß ich am Tisch. Einen Teller voller Salat. Dazu Brot und pflanzlichen Brotaufstrich aus meinem Nahrungsrucksack, den ich für derartige „Engpässe“ während der Tour immer bei mir hatte. Voller Neid blickte ich auf die Teller meiner Musikerkollegen, die prall gefüllt waren mit den verschiedensten köstlichen Gerichten.
Beim Essen schwiegen die meisten – es war zu gut, um nebenher die Zeit mit Reden zu vergeuden. Nur an ihren Blicken konnte ich ihre Gedanken bezüglich meiner Entscheidung ablesen. Bei einigen sah ich Mitleid, bei anderen Unverständnis, wieder andere waren offensichtlich amüsiert. Nur Neid…Neid konnte ich nirgends erkennen.
Isabell:
Ein Monat vegan – das ist schwerer als ich dachte!
Wenn man schon so ein Experiment macht, will man dann auch wenigstens konsequent sein, dachte ich. Pustekuchen! Der Morgen des 1. Mai begann mit Ausschlafen und einem gemütlichen Frühstück/Mittagessen. Vegan natürlich, kein Problem…Unser Salat mit dem weißen Balsamicoessig schmeckte wunderbar, genauso wie der Apfelsaft den wir tranken – moment! Wird Apfelsaft nicht mit Gelatine geklärt? Meine Recherche hat ergeben: Ja, mancher, genauso wie mancher Essig, mancher Wein…und wenn man nicht beim Hersteller nachfragt ist es unmöglich herauszufinden, was vegan ist und was nicht.
Nach ein paar Tagen auf Apfelsaft grundsätzlich verzichten, habe ich beschlossen, in dieserSache nicht ganz so konsequent zu sein. Aber nur in dieser!
Als nächstes kam die Honigfrage: Ich habe beschlossen, Honig nicht mehr mit in den Monat einzubeziehen. Einfach deshalb, weil (Honig)Bienen für unser Ökosystem mittlerweile unverzichtbar sind, und weil ich es nicht sinnvoll finde, statt Biohonig, von den Bienen einer Bekannten hergestellt, Agavendicksaft aus Mexico oder so zu konsumieren.
Es folgten noch einige weitere Erkenntnisse, die ich so einfach nicht mehr in der Lage war umzusetzen: Dass manche Brezeln mit Schweineschmalz bestrichen werden. What the f…??? Toll, und wenn ich in der Uni in die Cafeteria gehe, finde ich dort: Belegte Brötchen mit Wurst. Belegte Brötchen mit Käse. Croissants. Muffins, Kuchen, Schokoriegel, verschiedene Milch-Kühlprodukte, und, ja genau: BREZELN und Obst. Auf die Frage wie die hergestellt sind, können mir die Leute dort eh keine Antwort geben, also komme ich zu dem Motto: Was ich nicht weiß…genau. Sonst könnte ich ja gar nichts mehr essen….
Überhaupt die Uni: Daheim fällt es mir kaum schwer, vegan zu leben. Gut, manchmal verlockt mich die frische Milch im Kühlschrank meiner Eltern, oder der Mozarella, oder der Schokoaufstrich, oder….ja gut, aber meistens fällt es mir nicht schwer. Aber wenn man unterwegs is(s)t, so wie ich manchmal den ganzen Tag, dann ist es echt kompliziert. Immerhin, die Mensa der Uni Tübingen hat im letzten Jahr einen Vegan-Tag eingeführt: Das heißt, Donnerstags kann ich beim Mittagessen in der Uni Veganerin sein. Aber was ist mit Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag??? Da sitze ich häufig im Speisesaal, vor mir ein Schälchen mit dem immer gleichen Salat (mit normalem Essig angemacht -.-) und vielleicht noch meinem mitgebrachten Sojaschokopudding – zu mehr hat die Vorbereitungszeit nicht gereicht.
In solchen Momenten bin ich sicher, dass ich mit Juliane als “nörgeligste Veganerin aller Zeiten” locker mithalten kann.
Dementsprechend haben das jetzt auch fast alle mitbekommen.
Dafür bin ich wirklich positiv überrascht von den Reaktionen meiner Umwelt. Ich hatte eigentlich vor, euch gaanz viele mehr oder weniger lustige und kluge Sprüche zu präsentieren, aber so viele habe ich gar nicht. Klar, am Anfang kamen Kommentare wie “und wann wirst du Frutarier?” (gibt es eigentlich wirklich Leute, die das ernsthaft machen?) und regelmäßig kommt die Aussage “Das darfst du doch gar nicht essen!” Schön, dass IHR so genau darüber Bescheid wisst, was ICH essen darf und was nicht!
Überhaupt ist es recht häufig Thema beim Mittagessen. Aber ich fange ja auch selbst an darüber zu reden und freue mich auch wenn es ein Gesprächsthema ist. Ich habe auch schon einige wirklich verständnisvolle und freundliche Reaktionen bekommen, und die Leute die es nicht verstehen können, halten sich mit Kommentaren netterweise zurück. ![]()
Vor den Keksen, nach denen ich reflexartig gegriffen habe und die in meinem Mund gelandet sind, bevor ich auch nur denken konnte, hat mich aber keiner gerettet. Möp.
Nach einem komplizierten Start und einigem Frust in den ersten Tagen wurde mein veganes Herz beglückt durch den wunderbar besten Falafelladen in Tübingen (die Kichererbse), den Gummibärchenladen mit veganen Gummibärchen und tolle Mitbewohner und Freunde die super lecker kochen. ![]()
Mein veganes Außenseiterdasein kann auch wirklich Spaß machen… Es ist auf jeden Fall was besonderes und in der richtigen Umgebung fühlt man sich sehr abgefahren.
Wer weiß, vielleicht werd ich auch danach noch immer wieder vegane Zeiten einlegen….
Juliane:
“Wie erfährst du auf einer Party, dass jemand Veganer ist? – Er erzählt es dir!” Ohhhhhh ja. Das kann ich in meinem Fall nur so was von bestätigen. Seit ich mich vegan ernähre, hab ich totalen Mitteilungsbedarf. Hauptsächlich, um Mitleid zu kassieren. Jaja, ich weiß, dass das nicht der Sinn der Sache ist (und meistens funktioniert es eh nicht, weil man eher ausgelacht als bedauert wird), aber ich muss eben erzählen, warum ich die ganzen leckeren Sachen jetzt gerade nicht essen will, damit mich nicht alle für bescheuert halten.
Obwohl, inzwischen bin ich eigentlich dazu übergegangen, immer zu sagen, ich mache „1 Monat nur Fleisch“, dann sind die Leute fast erleichtert, wenn ich später einfließen lasse, dass es nicht stimmt und eigentlich nur „1 Monat vegan“ ist. Schön, dass die meisten Menschen es noch absurder finden, sich nur von Fleisch zu ernähren, als komplett ohne tierische Produkte.
Lustig ist allerdings, dass man ständig (unveganes) Essen von Leuten angeboten kriegt, denen man schon tausendmal gesagt hat, dass man sich gerade vegan ernährt.
Dann kommt: „Ach, nimm doch noch was, ist doch genug da!“
Ich: „Nee, sorry, das ist alles nicht vegan!“
Andere Person: „Aber vielleicht noch einen Joghurt?“
Hä???
Vielleicht sollte ich mir ein Schild an die Stirn kleben:
„Ja, ich gehöre (vorübergehend) zu der seltsamen Gruppierung der so genannten „VeganerInnen“. Ich esse nichts, was aus Tieren gemacht wurde oder woran Tiere grundlegend beteiligt waren. Bitte bieten Sie mir deshalb keine Nahrungsmittel mit tierischen Inhaltsstoffen an! (Ja, Molkeerzeugnis und Volleipulver gehören auch dazu.) Tipp: Inhaltsstoffe lesen hilft.“
Oder einfach: „Hört auf, mich füttern zu wollen – ich bin doch nicht euer Haustier!“
Naja, wie dem auch sei, irgendwann ignoriert man einfach alles und versinkt in seiner eigenen, kleinen Welt, in der alles nur aus Pflanzen besteht. Da ist es schön, da kann man sich dann in Ruhe selbst bedauern.
Obwohl, ich muss sagen, dass ich wirklich viel abwechslungsreicher esse, als vor dem „1 Monat vegan“-Projekt. Das liegt vielleicht auch an meiner tollen Idee, wenige Grundzutaten interessant und immer wieder neu zu kombinieren.
Und zwar kam mir die Idee, als ich Sudokus gelöst habe. In jeder Reihe und Zeile darf eine Zahl nur einmal vorkommen. Also hab ich ein Rechteck mit 25 kleinen Kästchen gezeichnet und in jedes Kästchen kam eine Zutat.
Die Zutaten sind aufgeteilt nach:
Beilage (Nudeln, Reis, Cous-Cous, Bulgur und Kartoffeln),
2 Kategorien Gemüse und so Kram (da hab ich das genommen, was wir meistens da haben – Brokkoli, Zucchini, Auberginen, Spinat, Karotten / Pilze, Mais, Paprika, Tomaten, Oliven),
Zubereitungsart (Im Ofen, in der Pfanne, als Salat, als Suppe, als Auflauf)
und Soßen/Sonstiges (Gemüsebrühe, Tomatensauce, Sojasahnesauce, Käse-Ersatz, Tofu-Schnetzel).
Anschließend hab ich alles so in die Kästchen sortiert, dass in jeder Reihe waagrecht, senkrecht und diagonal von jeder Kategorie nur jeweils eine Zutat zu finden ist.
Es ergibt sich jetzt also in jeder Reihe eine ganz neue Kreation eines veganen Gerichts.
Dieses logistische Meisterwerk möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten.
Tatatata… *trommelwirbel* bitteschön:
| Reis | Brokkoli | Mais | als Salat | Tomatensoße |
| als Auflauf | Käse-Ersatz | Nudeln | Zucchini | Oliven |
| Aubergine | Paprika | in der Pfanne | Tofu-Schnetzel | Cous-Cous |
| Sojasahnesoße | Kartoffeln | Spinat | Karotten | im Ofen |
| Tomaten | als Suppe | Gemüsebrühe | Bulgur | Pilze |
Also als Beispiel (1. Spalte): Reis mit Auberginen, Tomaten und Sojasahnesoße als Auflauf.
Auch, wenn manche Kombinationen etwas verrückt klingen und auch schmecken^^ (bzw. teilweise unmöglich sind), find ich die Idee trotzdem ziemlich cool. Wer es ausprobieren will: Viel Spaß beim Nachkochen! ![]()


Hallo an Euch alle,
ich gratuliere zu Eurem mutigen Experiment!! Mir hat gefallen, dass Ihr “durchgehalten” habt, obwohl es schwierig wurde.
Gern würde ich Euch meine persönliche Sicht dazu geben. Ich bin nicht sicher, ob Euch das bewusst ist – Ihr habt nur einen Aspekt von Veganismus berührt. Tatsächlich geht es gar nicht um’s Essen. Oder nur zu einem Teil. Wenn Ihr Euren Kopf und Euer Herz nicht daran teilhaben lasst, ist es fast zu schwierig, es durchzuhalten, weil Ihr dann automatisch das Gefühl bekommt, auf etwas verzichten zu müssen. Ihr verpasst dann die Chance, vegan als Bereicherung zu erleben.
Es hilft, sich darüber klar zu werden, warum genau Ihr vegan leben wollt. Dann können die Dinge aus einer inneren Überzeugung heraus passieren, und werden bald schon selbstverständlich. Auch wenn Euch der Gedanke erschreckt – schaut Euch eine der Dokumentationen an (z.B. “Earthlings”). Dann habt Ihr Klarheit. Angesichts des unfassbaren Elends, in dem sich die Tiere befinden, wird es dann auch völlig unwichtig, dass ich nun meinen LIeblingspudding von meiner Liste streichen muss, oder meine Freunde nicht verstehen, dass sie ihr Grillfleisch ohne mich essen müssen.
Veganismus ist viel mehr, es umfasst das gesamte Leben. Es geht darum, sein eigenes Leben so zu gestalten, dass möglichst weder Mensch noch Tier noch Umwelt ausgebeutet werden. Der Anspruch geht noch weiter: Nicht nur passiv bestimmte Dinge vermeiden, sondern aktiv möglichst viel Gutes tun. Das sind hohe Ansprüche, und aus meiner Sicht ist dies die eigentliche Herausforderung. Nicht das Essen.
Ich wünsche Euch alles Gute, und viele Nachahmer/innen!