Die Generäle in Myanmar haben im vergangenen Jahr für viele Beobachter überraschend ihre starre Haltung aufgegeben und ihr Land vorsichtig für Reformen geöffnet. Bisheriger Höhepunkt der Entwicklung ist vielleicht die Nobelpreisrede von Aung San Suu Kyi, die sie erst 21 Jahre nach der Verleihung des Preises halten konnte, da sie die meiste Zeit in Rangun unter Hausarrest stand. Doch der Konflikt um die muslimische Minderheit der Rohingya gefährdet den Prozess und könnte auch Aung San Suu Kyi in eine schwierige Lage bringen, findet Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker.
Herr Delius, im Westen ist die Minderheit der Rohingya kaum bekannt. Wer sind diese Menschen?
Die Rohingya sind eine muslimische Minderheit, die zum Teil seit dem siebten Jahrhundert in Burma lebt und dort besonders in der Provinz Arakan. Sie haben nicht nur eine andere Religion als die buddhistische Mehrheitsgesellschaft, sie haben auch eigene kulturelle Traditionen, einen eigenen Kleidungsstil, eine eigene Sprache. Das Problem ist, dass die Militärregierung die Rohingya nicht als Minderheit anerkennt und sie als Einwanderer und Flüchtlinge aus Bangladesch diffamiert. Sie bekommen keine Pässe, keine staatlichen Urkunden, sie dürfen sich in Burma nicht frei bewegen. In letzter Zeit ist es zu Spannungen und Zusammenstößen gekommen.
Was ist genau passiert?
Letztlich haben sich Moslems und Buddhisten gegenseitig die Häuser angezündet. Es gab Opfer auf beiden Seiten; die Schätzungen liegen zwischen 60 und 600 Toten. Während die Regierung den Buddhisten die Häuser ersetzt, macht sie die Rohingya weiter zu Staatenlosen. Sie weigert sich die Existenz von bis zu 1,5 Millionen Menschen anzuerkennen. Vor der staatlichen Repression sind bis zu 300 000 Menschen nach Bangladesch geflohen. Sie leben dort unter schwierigsten Bedingungen.
Was tut die Oppositionsbewegung für die Rohingya?
Bisher: nichts. Das Problem ist vielmehr, dass auch weite Kreise der Opposition das Vorgehen der Regierung gegen die Rohingya gutheißen. Man kann mit Oppositionspolitikern jederzeit vernünftig diskutieren, bis die Sprache auf die Rohingya kommt und man von ihnen Entgleisungen hört wie „Hurensöhne“ , „Kobolde“ oder „Menschenfresser“ . Letztlich ist die Ausgrenzung der Rohingya in der burmesischen Mehrheitsgesellschaft tief verwurzelt, ein immanenter Rassismus, der auch Aung San Suu Kyi gefährlich werden kann.
Warum?
Weil sie hier offenbar ganz vorsichtig sein muss. Ihre einzige Äußerung zu dem Problem war bisher: „Die Gesetze müssen beachtet werden.“ Aung San Suu Kyi will von den immer noch mächtigen Generälen nicht ins Abseits gestellt, als Freundin der Rohingya verleumdet werden, von denen die meisten Burmesen sagen: Die gibt es doch gar nicht.
Was fordern Sie?
Die internationale Staatengemeinschaft muss sowohl der Regierung als auch der Opposition eins klar machen: Demokratische Rechte dürfen nicht nur für Buddhisten gelten. Hoffentlich entschließt sich der Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) das Thema schnell auf die regionale Tagesordnung zu setzen. Der Konflikt hat leider die Sprengkraft den Aufbruch in Burma schwer zu beschädigen.

