Amnesty Filmpreis 2013 für “The Rocket”

In: Support Humanity

“The Rocket” von Kim Mordaunt ist der Gewinner des diesjährigen Amnesty-Filmpreises auf der Berlinale – ein ungemein intelligenter Spielfilm über die Hinterlassenschaften von Kriegen.

“The Rocket” spielt in Laos, jenem Land, in dessen Erde die meisten Bomben weltweit stecken. Sie stammen noch aus der Zeit des Indochina-Kriegs – zwei Millionen Tonnen Sprengstoff warfen US-Piloten in den siebziger Jahren dort ab, etwa 30 Prozent davon waren Blindgänger. Noch heute werden nach Informationen von Amnesty International jährlich 120 Zwischenfälle mit Blindgängern gemeldet. Ein Viertel davon verläuft tödlich, die meisten Opfer sind spielende Kinder.

Laos heute: ein Land, reich an Bodenschätzen. Die Industrialisierung beginnt, Staudammprojekte sollen für die nötige Elektrifizierung sorgen. Die Bevölkerung wird unter halbseidenen Versprechungen zum Umzug überredet. Viele enden arbeitslos in den Vorstädten.
Kim Mordaunts Film reflektiert all dies: Ahlo ist das Kind von Fischern, die einem Staudamm weichen müssen. Man bringt sie zu halbfertigen Wohnungen, Hauptsache, sie sind aus dem Weg. Der Wald liegt voller Bomben, den “schlafenden Tigern”, wie es im Film heißt.

Die Menschen stehen an der Schwelle zwischen Aberglauben und Moderne. Ahlo ist eigentlich ein Zwilling, sein Geschwisterkind starb jedoch bei der Geburt. Weil die Mutter nur zu gut weiß, dass nach laotischem Aberglauben je einem Zwilling Unglück und dem anderen magische Kräfte nachgesagt werden, entschließt sie sich, die Existenz des verstorbenen Kindes geheim zu halten. Nur Ahlos Großmutter teilt das Geheimnis und ist fortan immer auf der Hut: Ist es nicht wirklich so, dass Ahlo nur Unglück bringt? Ist er nicht von Grund auf schlecht? Als er mit seiner Mutter das Familienboot durch den Wald schleppt, rutscht er ab, das schwere Gefährt erschlägt die Mutter. “Man hätte ihn gleich töten sollen”, sagt die Oma. Dass die Familie mittellos, entwurzelt und beschädigt ist, das alles soll die Schuld eines kleinen Jungen sein.
Ahlo reagiert mit unbändigem Überlebenswillen. Als er von einem Raketenwettbewerb erfährt, wittert er seine Chance. Es ist Trockenzeit: Der, dessen Projektil den Regen bringt, den erwartet ein hohes Preisgeld. Größe, Ladung und Design der Feuerwerkskörper kennen keine Grenzen. Da schießen doch tatsächlich Mönche Penisraketen in den, wie sie es nennen, “Hintern Gottes” ab. Die Casting-Show als Erzählstruktur; der Wettbewerb, das immerwährende moderne Format.
Was liegt näher, als den Tiger aufzuwecken? Ahlo macht sich daran, aus altem Kriegsgerät ein denkwürdiges Geschoss zu bauen.

“Wir haben wahnsinnig gute Filme gesehen”, sagte Katja Riemann, Schauspielerin und Jurorin des Preises, dem Amnesty Journal. 17 Filme waren nominiert. Die Beiträge stammten aus den Berlinale-Sektionen “Wettbewerb”, “Panorama” und “Forum” und “Generation”.
„The Rocket” stach heraus. Das liege an der Fülle von Themen – Vertreibung, Armut, Umweltprobleme und Landverminung -, die mit den Mitteln des Märchens erzählt würden, so Riemann: “Manche Filme verblassen nach einer Zeit, andere gehen immer mehr auf. ‚The Rocket’ funkelt in der Erinnerung. Ein ungemein schlauer und unprätentiöser Film.”

„Wir wollten eine persönliche Geschichte erzählen, mit all den Themen, mit denen Menschen zu kämpfen haben. Gleichzeitig wollten wir das Publikum ins Geschehen hineinziehen”, sagt Mordaunt. Kriegshinterlassenschaften sind das prägende Motiv in der Arbeit des 47-jährigen Australiers: Die Idee zu “The Rocket” sei ihm bei den Arbeiten zu seinem Dokumentarfilm “Bomb Harvest” über Aufräumarbeiten in Laos gekommen.
Der Regisseur, der auch den Preis für den besten Erstlingsfilm der Berlinale erhielt, hofft nun, dass der Amnesty-Preis “The Rocket” zu Aufmerksamkeit verhilft. Hoffentlich gibt es bald einen Start in deutschen Kinos.

Text:  Jürgen Kiontke (gekürzte Version)

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